Liebe Freunde des Literaturhauses:

Es gehört zu den Merk-Würdigkeiten der Literatur, dass Dichter zahlreichen Lesern "Lebenshilfe" spenden und "dass man sich immer wieder ihrer Werke bedient, um sich aus eigenen Wirren und Verwirrungen herauszuarbeiten". Diese Beobachtung des Literaturwissenschaftlers Richard Exner lässt sich auf die Gedichte von Annemarie Schnitt übertragen, die wir Ihnen heute Abend im Literaturhaus vorstellen möchten.

"Mir ist die Lächerlichkeit, Gedichte zu schreiben lieber als die Lächerlichkeit, keine zu schreiben." Dieser Vers der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Simborska ist für die 1925 in Tungkun (Süd-China) geborene Annemarie Schnitt Ansporn und Herausforderung zugleich. In ihren Gedichten und Prosaskizzen versteht sie das Schreiben als "Fliegen / deutlicher Dinge deuten / aus der Distanz". In ihren Gedichtzyklen finden sich sowohl poetische Betrachtungen über die Veränderung der Natur im Ablauf des Jahres wie auch Annährungen an große literarische Vorbilder wie Rose Ausländer und Else Lasker-Schüler.

Die Lesung von Annemarie Schnitt, die um 20.00 im Literaturhaus beginnt, wird begleitet von irischer Geigenmusik, gespielt von Annemarie Schnitts Tochter Conny sowie illustrierenden Fotos zu einzelnen Texten.

Wir würden uns freuen, Sie zu einem sicher stimmungsvollen Abend im Literaturhaus begrüßen zu dürfen.
Bettina Fischer - Thomas Böhm






Musik von Conny Schnitt - Fotografie von Bernie Patten


Wozu schreiben?

Gedanken festzuhalten
im Vers
eh sie verfliegen

Farben aufzufangen
in Metaphern
eh sie verblassen

Liebe zu beschwören
im Wort
eh sie verweht

Leben fortzudenken
in Reimen
eh es verdunkelt



Guten Abend!

Ich begrüße Sie und Euch Freunde zu dieser kleinen Lesung, zu der ich freundlich überredet wurde! Heute freue ich mich und bedanke mich für diese Einladung! Nun sitze ich hier und frage mich wieder einmal neu: Wozu schreiben?

Wozu Gedichte schreiben, Worte in Rhythmus und Versmaß bringen?
Mir fallen da ein paar Zeilen der polnischen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Wislawa Simborska ein, die sagt:
Mir ist die Lächerlichkeit, Gedichte zu schreiben lieber als die Lächerlichkeit, keine zu schreiben.

Poesie grenzt an Magie. Sie verzaubert, sie entführt,das zweite Ich zu entdecken. In Gedichten kommt es zu einer Verschmelzung von Denkbarem und Fühlbarem. Du tauchst ab, gerätst ins Schweben, in einen Zustand der Distanz, der deinem inneren Auge die Welt neu erschließt. Es gibt Steine, aus denen du Feuer schlagen kannst. Poesie, glaube ich, ist solch ein Stein.

Das Gedicht … so Oktavio Paz, fordert die Abschaffung des Dichters, der es schreibt, und die Geburt des Dichters, der es liest, (der es hört). In diesem Sinne möchte ich beginnen - zum Anfang mit einem Gedicht, mit dem mein Enkel bei einer Geburtstagslesung vor drei Jahren den Auftakt machte:



Schritte durch ein Jahr

Der eine kriecht-
der andere schreitet-
einer wankt-
ein nächster gleitet-
der fünfte trippelt-
der sechste stelzt-
ein siebter
durch die Welt sich wälzt-
der achte fliegt ganz
federleicht vondannen
bedenke dies und sag dir leise:
ein jeder Mensch auf seine Weise
kommt schließlich doch zum Ziel der Reise



Wandel der Jahreszeiten

immer ein Stück
sich selbst voraus sein
auf den Wegen voran
Wandlungen begegnen
wie Freunden
Veränderungen begrüßen
wie den Wandel der Jahreszeiten
dem Rhythmus
dem Kreis nachspüren
dem Lauf der Flüsse ins Meer







Frühling

ein Ahnen
wie Vorfreude auf Neues
aufgetaut dein Winterherz
wie es vibriert
in weicher Luft
warm durchpulst
vom Glück des Kommenden



Ein neues Lied

so viele Lenze
und wieder Saft
in den Zweigen
den Taktstock
des Frühlings
leih ich mir
für ein neues Lied



Frühling

nah am Tor
noch entblättert
die Trauerbirke
zurückgedrängte Kraft
in zitternden Zweigen
zurückgedrängtes Feuer
im stummen Stamm

es wird ein Gesang
besiegen den Frost
es wird ein Gestirn
entfachen ein Feuer
in Stamm und Geäst
es wird ein Frühling
vertreiben die Trauer



Im Mai

abgeholt von der Sonne
zum Lauf in den Tag
leicht und sicher
an ihrer warmen Hand
unter ihrem Blick
singen die Vögel in dir
die wintertasgs verstummten
Verblasstes blüht auf
Verdunkeltes lichtet sich
Lautes wird leise
Unstimmiges stimmig
für einen Tag Hand-in-Hand
mit der Sonne im Mai







Sommer

den Sommer
anwachsen lassen
über der Stirn

was brach liegt
zum Blühen bringen
in neuem Licht

vielleicht möcht
ein einziges Wort
auferstehen

zum Leben
unter dem Himmel
dem einzigen



Noch ist Sommertag

und offen der Himmel
die Luft voller Samen
und süßem Duft
in den Feldern der Mohn
in den Gärten Margriten
am Steilhang
zwischen Moos
mein kleines Gedicht

noch ist Sommertag
und offen der Himmel
es dreht sich der Drachen
lautlos im Wind
der Surfer spannt den Flügel
zum Flug über Fluten
am Spinnennetz spinnt
mein kleines Gedicht

noch ist Sommertag
und offen der Himmel
es atmet die Erde
ganz arglos im Traum
was tun wenn durch Menschen
Zerstörung einbricht
Taubenflügel wünsch ich
meinem kleinen Gedicht



Rosenzeit

zur Feier des Tages
eine Rose für dich
dass dein Lachen
sich unverloren verliert
in farbenberedte
Sprachlosigkeit



Den Sommer bannen

Den Sommer bannen
in einen letzten Augenblick der Wärme
ihn schmecken wie Glück
ihn speichern unter der Haut
als Vorrat gegen Fröste
Entfaltete Flügel

was bleibt von alledem
vom Gesang des Sommers
vom tete à tete mit dem Glück
von den Farben der Freundschaft
was bleibt von alledem
vom Tag-Traum und Nacht-Gespinst

von den Schüben des Schicksals

nichts bleibt
im Verbleiben am Fleck
alles bleibt in der Kraft
entfalteter Flügel







Etwas gegen den Wind setzen

etwas Helles gegen die Nacht
etwas Festes gegen den Schwindel
etwas Klingendes gegen die Leere

einen Traum gegen den Tag
eine Insel gegen den Lärm
eine Rose gegen den Winter

ein Tun gegen das Chaos
ein Gedicht gegen die Sprachlosigkeit
Gebete gegen den Stumpfsinn

etwas gegen den Wind setzen



Herbst

Nebelschwaden
über dem Strand
ich such im Windlicht
meinen Weg
hab noch Sand
in Hosentaschen
hab ein Lied
dass weiterträgt
Sonnenblume

ich möcht
mit deiner Sprache sprechen
ich möcht mit deinem Blühen blühn

ich möcht
mit deinem Lachen lächeln
ich möcht mit deiner Farbe färben

trüber Tage Nebelkleid



Nebeltag

Schritte im Nebel
von Schleiern umschlossen der Tag
kein Duchblick mehr kein Halt
auf leisen Füßen
schleichen sich Stunden voran
zu lösen aus Nebeln den Tag



Erntedank

als Dank
für die Geduld des Himmels
dass nicht aufhört Frost und Hitze
Sonne Wind und Regen
dass noch Zeit bleibt für bessere Früchte
auf der bedrohten Erde

Erntedank
als Dank
für die Fähigkeit
zu Einsicht und Umkehr
als Dank
für geschenktes Leben
das auf Ernte drängt
immer neu und voll Verheißung







Eisregen

als der Eisregen kam
floh ich unter ein Dach
schlug Feuer
aus meinen Gedanken
mit warmer Stirn
zu trotzen der Kälte



Freunde finden

ein Haus finden
zu wohnen
hinter Tausendklang
im Einklang

Freunde finden
zu zünden in
der Kälte
ein Feuer

Töne finden
zu singen
gegen die Leere
ein Lied



Wintermorgen

Schau
in Flocken löst der Himmel
sich lautlos auf
schneeweiße Schleier
umhüllen die Welt
das Wunder wohnt tief
unter den Träumen

Warte nicht
fang an
schau dich nicht um
fang an
schreib deine Schrift
in den Schnee



Schneetanz

Wenn wintertags
der Schneetanz beginnt
nimmt er dich mit
ins weiße Vergessen
kopfüber taumelst du
mit den Flocken ins Nichts
dich neu aufzuspüren
im Scheeweiß


Trau den Spuren

draußen im Schnee
den allerersten
die dich hinausführen
über das Glück des Anfangs
in das Glück des Gelingens


Bau dir ein Haus

bau dir ein Haus
fest für den Rücken
das dich stärkt
im aufrechten Gang

bau dir ein Haus
tragbar für die Tasche
das dich begleitet
quer durch die Zeit

bau dir ein Haus
verborgen im Herzen
das dich wärmt
im winterlichen Frost

bau dir ein Haus
hell hinter den Gedanken
das dir leuchtet
zu nächtlicher Stund
Musik



Weihnachten

Unser Weg in die Zukunft
Fußmarsch am Grat
Meter um Meter durch Nebel
wir schlagen ein Zelt auf
und hauchen Leben
warm gegen den Wind
bedenken die Stätten
die längst schon begangen sind
weit zurück
bis zur Hütte zum Kind
und wagen neu
gegen die Kälte zu gehen



Weihnachtswunsch

wach zu werden
wie die Weisen
hellhörig wie die Hirten
bewegt wie Josef
wissend wie Maria
Gefährten zu finden mit
Flügeln



Ich ahne

Menschenmögliches
zwischen Menschen
aller Rassen und Nationen
zwischen Menschen aller Generationen
zwischen Mann und Frau
ich ahne Menschenmögliches
im Unmöglichen
Menschenunmögliches als Mögliches
unter dem Zuruf des Himmels



Jahresabschied

im Dämmer
über hingeduckten Häusern
ein magerer Mond über dem Meer
am letzten Tag des Jahres

allein dem Menschen möglich
das Zugehen auf Zukunft
von Jahr zu Jahr
von Neumond zu Neumond

zu neuem Ziel



Neujahr

unter Wellenrauschen
in ein neues Jahr

wir flüchtigen Wesen
verrauschender Zeit

hingeworfen
ans nackte Ufer

festzuhalten den Tag
fortzuschreiben den Weg







Zum Abschluss der Lesung:

Verfügungen für 12 Monate
aufgefangen von Thiago de Mello
(ein brasilianischer Lyriker und Musiker)



Januar:
Es wird verfügt, dass Geld niemals die Sonne des kommenden Morgens kaufen kann, und dass jeder Mensch sich an den Tisch setzen kann mit ungetrübtem Blick...


Februar:
Es wird verfügt, dass jetzt die Wahrheit zählt, dass jetzt das Leben zählt, und dass wir alle Hand in Hand
für das wahre Leben eintreten.


März:
Es wird verfügt, dass es jedem Menschen erlaubt ist, sich in jeder Stunde seines Lebens weiß zu kleiden.


April:
Unwiderruflich wird die ewige Herrschaft der Gerechtigkeit und des Lichtes ausgerufen!


Mai:
Es wird verfügt, dass alle Fenster den ganzen Tag dem Grünen geöffnet bleiben, wo die Hoffnung wächst!


Juni:
Es wird verfügt, dass das tägliche Brot immer den warmen Geschmack der Zärtlichkeit haben soll!


Juli:
Es wird verfügt, zu wissen, dass es das Wasser ist, das der Pflanze das Wunder der Blume gibt!


August:
Es wird erlaubt sein, am Nachmittag mit einer riesengroßen Begonie im Knopfloch spazieren zu gehen! Nur eines wird verboten sein:
zu lieben ohne Liebe.


September:
Es wird verfügt, daß von nun an in allen Fenstern Sonnenblumen stehen.


Oktober:
Es wird verfügt, dass der Mensch niemals mehr am Menschen zweifeln muß, dass der Mensch dem Menschen vertrauen kann wie die Palme dem Wind!...


November:
Es wird verfügt, dass Menschen frei vom Joch der Lüge sind. Niemals wird es nötig sein, sich zum Schutze in Schweigen zu hüllen!


Dezember:
Für ein Jahrtausend wird das von dem Propheten Jesaja erträumte Leben festgesetzt: Der Wolf und das Lamm werden gemeinsam weiden, und die Nahrung beider wird nach Morgenröte schmecken.